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Die Studentin Nina Hoffmann berichtet über ihrer Erlebnisse als ERASMUS-Studentin in Madrid. insideMadrid wünscht viel Spass beim Lesen.

Studieren in Madrid

Hurra, es hatte tatsächlich geklappt. Dank eines Erasmus-Stipendiums sollte ich doch wirklich ein Semester meines Studiums im Ausland verbringen. Meine Wahl: Madrid!


Der erste Kontakt
Anfang September machte ich mich also auf die Reise, um das Wintersemester an der Universidad Autónoma de Madrid (UAM) zu absolvieren. Ausgerüstet mit einigen Infoblättern, die mir die Uni auf Anfrage bereits zugesandt hatte (erasmus.uam@uam.es), einem Wörterbuch (meinem ständigen Begleiter) und jeder Menge Herzklopfen betrat ich schließlich den Campus der UAM. Der erste Eindruck war entmutigend. Kaum den Bahnhof Cantoblanco verlassen, der sich zum Glück direkt auf dem Campus befindet, erstreckte sich ein recht weitläufiges Uni-Gelände. Mehrere Wege führten vom Bahnhof in verschiedene Richtungen. Welchen sollte ich nehmen?

Zu meinem Unglück befand sich so früh vor Unterrichtsbeginn, der sollte nämlich erst Anfang Oktober starten, noch fast keine Menschenseele auf dem Campus. Also gab es auch keinen Pulk, dem man einfach folgen konnte. Umso erleichterter war ich, nach einigem Herumirren dann doch noch jemanden anzutreffen. Ich nahm all meinen Mut zusammen und schaffte es mit meinen paar Bröckchen spanisch-Kenntnissen den Weg zum Rectorado zu erfragen. Dort sollte ich mich als erstes melden, im Oficina de Relaciones Internacionales; um mich einzuschreiben.

Die Büros zur Einschreibung haben zwischen 10:00 Uhr und 14:00 Uhr geöffnet
Ohne viel davon verstanden zu haben, was mir die freundliche Spanierin erzählt hatte, folgte ich ihrem Fingerzeig und wurde tatsächlich fündig. Zum Glück war ich noch rechtzeitig zur Uni gekommen, denn die meisten Büros machten gegen 10 Uhr auf und schlossen wieder um ein oder zwei Uhr. Das Büro im Rectorade war bis 14 Uhr göffnet, und es war gerade mal kurz nach eins.

Die Angestellten im Rectorado waren alle sehr freundlich, und als es mit dem spanisch noch nicht so klappte, dann gab es in den internationalen Büros zumindest immer eine Person, die auch englisch sprach. Nun musste ich also alle erforderlichen Dokumente zur Einschreibung einreichen. Diese waren:

  • Ausweis oder Pass,
  • eine Bscheinigung ueber eine Auslandsversicherung (Formular E-128),
  • eine Bescheinigung der Heimatuni, dass man auch wirklich Erasmus-Student ist,
  • und ganz wichtig: ein Passfoto! (Von denen sollte ich auf meinem Weg zum UAM-Student noch jede Menge benötigen)

Wichtig war es ausserdem, die Dokumente sowie im Original, als auch als Kopie mitzunehmen. Es gab zwar einen Kopierer, aber gerne wurde es nicht gesehen, wenn dieser beansprucht werden musste. Immerhin sei man ja kein Kopier-Center.

Letztendlich hatte ich also alle meine Sachen dabei und komplett abgegeben. In einer Woche sollte mein Studentenausweis fertig zum abholen bereit liegen. Wunderbar! Die erste Hürde hatte ich geschafft: ich war eingeschrieben. Doch der Weg zum endgueltigen Studenten-Dasein sollte noch lang und beschwerlich werden, denn die Auswahl der Kurse, das endgültige matrikulieren stand mir noch bevor.

Kein Erasmus-Student nutzt die Wohnheime
Eine grosse Hilfe war die Mappe, die ich im Rektorado bekam. Darin waren Infoblätter über die Uni, Unterkunft und die öffentlichen Verkehrsmittel. Auch wurden dort Studentenwohnheime angegeben, die jedoch nicht zu empfehlen sind, da sie alle sehr teuer sind. In dem Preis von über 500 Euro im Monat ist Vollpension inbegriffen. Ausserdem gibt es einen Putzservice, der regelmässig die Zimmer reinigt. Ich habe während meines Aufenthalts keinen einzigen Erasmus-Studenten getroffen, der in solch einem Wohnheim wohnte! Die meisten hatten sich eine Bleibe nahe der Innenstadt gesucht, so wie ich auch. Der Weg zur Uni war zwar ziemlich weit, dauerte circa 40 Min., aber dafür war man schneller in der Stadt, und kam nachts auch leichter heim.

Nichts destotrotz, verliess ich schliesslich mit der Mappe unter dem Arm das Rektorats-Gebaeude. Als nächstes sollte ich mich im Oficina de las Relaciones Internacionales (ORI) in meiner Fakultaet melden. Dank des Lageplans, der auch in der Mappe war, fand ich das Gebaeude auch ziemlich schnell: die Faculdad de Filosofía y Letras.

Der Weg zum ORI gestaltete sich allerdings schwieriger, da es in irgendeinem Untergeschoss angesiedelt war. Woher sollte ich auch wissen, dass die Ortsangabe Mod.IV, bis bedeutet: im vierten Abschnitt (Modulo) der Fakultaet, ganz hinten durch (bis), bis man quasi schon in der nebenan liegenden Fakultät landet. Später ist das Büro zum Glück umgezogen und befindet sich nun ganz vorne im ersten Stock, direkt neben dem Sekretariat.

Als ich endlich fündig geworden war, musste ich feststellen, dass ich wohl noch mal die Anfahrt an die Uni in Kauf nehmen musste. Das ORI in der Fakultät hatte nämlich bereits eine Stunde früher zu gemacht, als das im Rectorado.

Am besten lässt sich der Papierkram um 10:00 Uhr regeln
Ich kam also noch einmal wieder. Diesmal früher und wieder voller Enthusiasmus, war ich doch gespannt wie ein Flitzebogen, wie es nun weitergehen sollte, und wann ich denn endlich auch andere Erasmus-Studenten treffen würde. Doch meiner Begeisterung wurde ziemlich schnell der Garaus gemacht. Denn in dem Büro konnten sie mir auch nur sagen, dass ich zu einer der zahlreichen Einführungsveranstaltungen erscheinen sollte, die ab Mitte September fast täglich stattfanden. Dafür hätte auch einfach ein Blick auf den Aushang an der Tür gereicht. Zu allem Übel waren auch noch alle Termine vormittags. Ich musste also noch einmal wieder kommen. Zu diesem Zeitpunkt wurde mir klar, dass die beste Zeit, um an die Uni zu kommen, um Formalitäten zu erledigen wohl so gegen 10 Uhr vormittags wäre. Da trifft man auf jeden Fall jemanden an und falls offizielle Veranstaltungen stattfinden, kriegt man die auch noch mit.

Die Einführungsveranstaltung
Einige Tage später war ich also wieder da. Zusammen mit circa 12 anderen, etwas unsicher drein schauenden Erasmus-Studenten, wartete ich einem dunklen Untergeschoss in der Fakultät. Die Einführung war kurz und schmerzlos. Eine Stunde lang prasselte ein Schwall spanischer Wörter auf mich ein, die ich nicht einmal zur Hälfte verstand. Nur als mein Name fiel, schaffte ich ein “sí, aqui” herauszupressen. Und wieder bekam ich eine Mappe. Diese war nur um einiges grösser und schwerer als die Erste. Der Inhalt: Informationen über die Uni, die einzelnen Betreuer der verschiedenen Fachgebiete und eine Auflistung aller Kurse der Fakultät und die der anderen Fakultäten der “libre configuración”. Schade war nur, dass nur relativ wenige andere Erasmus-Studenten bei dem Treffen waren, da insgesamt sehr viele Einführungen angeboten wurden und sich die Studenten daher auf die einzelnen Veranstaltungen verteilten. Daher sollte man die Chance nicht verstreichen lassen, und Kontakt aufnehmen.

Welche Kurse sollte ich wählen?
Nach dem Info-Treffen hatte ich also immer noch nicht den leisesten Schimmer, welche Kurse ich wählen sollte, und vor allem, wie das alles funktionierte. Zum Glück war ich nicht die Einzige. Selbst die bereits spanisch-sprechende Minderheit der Erasmus-Studenten hatte noch keine Ahnung wo es lang ging. Alles was man uns gesagt hatte war, dass es eigentlich egal sei, welche Kurse wir wählten, solange die Hälfte von der eigenen Fakultät sind. Ein Geschichtsstudent könnte also durchaus mal in Biologie, Jura oder BWL hineinschnuppern.

Komplett verwirrt suchte ich schliesslich meinen zuständigen Betreuer auf. Nach einigen gescheiterten Versuchen, die vor einer geschlossenen Tür endeten, traf ich ihn schliesslich in seinem Büro an. “Ach so, Erasmus-Student. Ja, dann ist es ganz egal welche Kurse du besuchst.” Ja super, das wusste ich auch schon vorher.

Na gut, dann musste das ja wohl stimmen, dachte ich und durchforstete die Vorlesungsverzeichnisse. Die Titel der Seminare hörten sich alle ganz nett an, aber was bedeuteten die Zeichen und Nummern dahinter? Eine mitleidende Erasmus-Studentin half mir. Also: L,M,X,J,V sind die Wochentage, wobei X miercoles bedeutet. Ist ja logisch, oder? Dahinter stehen die Zeiten, und wenn da zwei oder drei verschiedene Zeiten stehen, dann findet der Kurs auch mehrmals in der Woche statt und man kann sich nicht einen Termin aussuchen, der einem am besten passt. Das hatte ich nämlich zu Anfang gedacht. Mist, musste ich meinen Stundenplan noch mal neu ordnen. Eine durchaus anspruchsvolle Aufgabe, denn weil fast alle Kurse mehrmals die Woche stattfinden, überschneiden sich diese ständig. Es dauerte also einige Zeit, bis ich endlich einen einigermassen zusammenpassenden Stundenplan hatte. Am allerletzten Tag reichte ich den dann im ORI ein. Nachdem ich in letzter Sekunde noch einmal alles über den Haufen geworfen hatte, da ich einige extrem nuschelnde Professoren einfach nie verstand.

Das gute an der ganzen Farce mit der Kursauswahl war, dass ich relativ viel Zeit hatte, bis ich mich endgültig festlegen musste. Ich konnte mir also einige Kurse erst mal anschauen. Diese Zeit habe ich dementsprechend auch genutzt. Bis Ende Oktober hatte es gedauert. Danach hätte ich offiziell sogar noch einen Monat Zeit gehabt noch einmal etwas zu ändern, aber da hatte ich dann nicht mehr die Nerven zu.

Ort und Zeit der Kurse änderten sich häufig kurzfristig
Ich wusste also endlich welche Kurse ich besuchen wollte, und wann diese stattfanden. Aber nirgendwo war zu finden, wo ich hingehen sollte. Ein ganz wichtiger Tipp: Immer auf die Aushaenge achten. Erst sagen sie dir was angeboten wird, dann hängen sie aus, wann es stattfindet und schliesslich und endlich (meist erst wenige Tage vor Unterrichtsbeginn), erfährt man wohin man zu gehen hat. Nur bei den Kursen der “libre configuración” stehen die Zeiten bereits zu Anfang dabei.

Einen Aushang gab es ausserdem, der über die Anfangszeiten des Unterrichts der einzelnen Fakultäten informierte. Diese unterschieden sich zum Teil beträchtlich. Ich hatte diesen kleinen unscheinbaren Zettel natürlich komplett übersehen und ging vom offiziellen Studienbeginn aus, dessen Datum in allen Unterlagen zu finden war. Mutterseelenallein stand ich also Anfang Oktober in einem dunklen, ungemütlichen Raum im Keller der Philosophischen Fakultät. Erst hatte ich gedacht es gäbe vielleicht auch in Spanien die akademische Viertelstunde, doch nach einer halben Stunde, gab ich es auf. Auf dem Weg nach Hause sah ich im Gang den Zettel mit dem Hinweis. Na toll.

Einige Tage später, begab ich mich, fest davon überzeugt, dass der Unterricht nun endlich anfinge, zu meiner Klasse. Niemand da. Niemand kam. Ich war am verzweifeln. Was hatte ich jetzt schon wieder falsch verstanden? Falscher Tag? Falscher Raum? Falsche Zeit? Aber nichts davon war der Fall. Auf der Suche nach einer Person, die mir helfen konnte stiess ich auf einen Aushang in einem der hintersten Gänge der Fakultät. In der riesigen Liste der Veranstaltungen, war ganz klein, die Raumangabe meines Seminars geändert worden. Nur leider hatte man wohl versäumt, dass auch bei den Aushängen im Hauptgang zu tun.

Nun gut, nach einiger Zeit planlosem Herumirrens bekam ich irgendwann den Dreh heraus. Und auch wenn die erste Zeit sehr stressig erscheinen mag, in den Uni-Alltag zu starten, war es, im Nachhinein betrachtet eigentlich nur halb so schlimm. Ich musste zwar einige Kilometer zurücklegen beim Suchen der Gebäude und der Büros, aber insgesamt hatte ich mehr als genügend Zeit mich einzugewöhnen und alles zu erledigen. Das Motto sollte also lauten: Nur keine Panik. Die Spanier haben Zeit und gehen eh alles sehr gemütlich an. Das muss jedoch nicht immer positiv sein.

Der Sprachkurs der Uni zum Kontakte-Knüpfen
So fing der Sprachkurs für Erasmus-Studenten erst Ende Oktober an. Wie ich finde, viel zu spät. Die Daten und Zeiten konnte ich unter www.uam.es heraussuchen, oder auch in einer der Mappen finden. Zum Einschreiben gab es einen Termin, den man nicht verpassen sollte. Der Andrang war gross und es gab nicht genügend Plätze. Zum spanisch-Lernen taugten die Kurse allerdings nicht sehr viel, alle sind auf einem relativ niedrigen Niveau. Jedoch bot sich durch die Kurse eine gute Möglichkeit, andere Erasmus-Studenten zu treffen und Kontakte zu knüpfen.

Das Erasmus-Student-Network
Im Allgemeinen stellte ich fest, dass ich trotz des grossen Durcheinanders und der anfänglichen Verwirrung, nicht nur aufgrund der Sprachschwierigkeiten, zumeist auf nette und hilfreiche Menschen stiess. Im ORI war man immer sehr bemüht und vor allem die armen Seelen, die der spanischen Sprache noch nicht mächtig waren, trafen dort auf Unterstützung; auch auf englisch. Ausserdem wurde einem dort nicht nur beim immatrikulieren geholfen, sondern auch bei der Wohnungssuche. Es gab eine ganze Liste mit WG-Angeboten, für Leute, die zu Uni-Beginn noch keine Unterkunft gefunden hatten. Auch in Sachen Intercambio fand man dort viele Aushänge. In Sachen Intercambio lohnte es sich auch einmal beim Erasmus-Student-Network vorbeizuschauen. Entweder direkt in der Uni oder im Internet unter go.to/esnuam. Diese Organisation wurde von Studenten geführt und bot verschiedene Veranstaltungen und Ausflüge fuer Erasmus-Studenten an. Zum Beispiel günstige Trips nach Sevilla und Granada, Theaterbesuche und Tanz- und Sportgruppen.

Für genug Unterhaltung wurde also durchaus gesorgt. Und neben dem Studium blieb auf jeden Fall noch genügend Zeit die verschiedenen Facetten Madrids, das rauschende Nachtleben und die Einwohner dieser beeindruckenden Stadt kennenzulernen. Da waren die anfänglichen kleinen Ärgernisse und Schwierigkeiten schnell vergessen.


Von Nina Hoffmann (Journalistin und insideMadrid-Leserin 2002/2003)
(abgedruckt mit freundlicher Genehmigung der Autorin)

     

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