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Von Madrid in den Himmel
Die deutsche Journalistin und Madrid-Kennerin Susanne Thiel schreibt für insideMadrid eine Reportage über einen der bekanntsten und schönsten
Plätze der Stadt. Hintergrundinformationen von insideMadrid.
Sobald die Sonne untergeht und sich das saftige Blau
des Himmels über Madrid in zarte rosarote Töne verwandelt, erkennt man die Bedeutung des madrilenischen Lebensmottos “de Madrid al cielo” – von Madrid geht es direkt in den Himmel.
In diesem
Augenblick vergisst man den Smog, den hektischen Alltag und den tosenden Verkehr. Einen Moment lang scheint die Stadt in der glühenden Abendsonne stillzustehen, die sich über die prächtigen Monumente und
breiten Alleen im Stadtzentrum ausbreitet.
Aber der Himmel über Madrid ist längst nicht alles, was Spaniens Hauptstadt zu bieten
hat; als Besucher hält man sich üblicherweise im Zentrum auf, denn hier finden sich die meisten Hotels und ein Prachtbau neben dem anderen. Einen zentralen
Knotenpunkt bildet die Plaza de la Cibeles, die den Paseo de Recoletos, die Calle Alcalá und den Paseo del Prado miteinander verbindet. Die Monumente der Hauptpost (der
zukünftige Sitz der Stadtverwaltung), der Banco de España, der Casa de América und des Kybele-Brunnens werden tagtäglich von Tausenden Besuchern bestaunt und
fotografiert. Doch nur wenige wissen um die sagenumwobenen Geschichten, die hinter einigen dieser Gebäude stecken.
Die spannenden Legenden der Stadt Zu den spannendsten Legenden zählt wohl die des Palacio de Linares, heutiger Sitz der Casa de América. Einst lebte hier der Marquis
von Linares mit seiner Frau. Ihr Wunsch nach einem Kind blieb bis zur Geburt ihrer Tochter Raimunda unerfüllt. Im Volk gingen derweil
die wildesten Gerüchte um, denn der Verdacht lag nahe, dass es sich bei den Palastbewohnern in Wirklichkeit um ein
Geschwisterpaar handelte. Tatsächlich haben die Marquisen zu spät von ihrem Verwandtschaftsgrad erfahren und die Kleine an
einen geheimen Ort im Palast verbannt. Sie wurde von der Haushälterin großgezogen und das Ehepaar lebte von nun an enthaltsam in getrennten Etagen.
Nach dem Tod der Marquisen stand der Palast viele Jahre lang leer. Erst 1989 wurden die Renovierungsarbeiten aufgenommen, die
sich jedoch als mühsam erwiesen: Zahlreiche Personen vernahmen in diversen Zimmern des Palastes seltsame Geräusche und
Empfindungen. In den Sälen, in denen Tochter Raimunda herangewachsen war, wurden im Hochsommer Minusgrade verzeichnet.
Fotografien wiesen seltsame Flecken auf. Begeistert stürzte sich die Esoterikgemeinde Madrids auf die merkwürdigen Erscheinungen
und maß energetische Felder; ein kleines Mädchen wurde im Tanzsalon gesichtet. Man hörte die verzweifelten Worte einer
Frauenstimme – ich bin hier, bei dir – und ein Kind antwortete – Mama, Mama, ich habe keine Mama! Eine Erklärung für die Phänomene hatte niemand.
Selbst als die Renovierungsarbeiten fast abgeschlossen waren und das Kulturhaus Casa de América kurz vor seiner Eröffnung stand,
nahmen die geisterhaften Erscheinungen kein Ende. Mehrere Sicherheitsfirmen entsandten Personal, das sich schon nach kurzer Zeit
weigerte, in den Räumlichkeiten seinen Dienst zu verrichten. Schließlich schickte man Hunde in das Gebäude, die bestimmte Säle partout nicht betreten wollten.
Mittlerweile ist es ruhig um den Palacio de Linares geworden. Vielleicht haben sich die Angestellten an die Gespenster gewöhnt?
Vielleicht sind die Geister auch zur Ruhe gekommen? Sicher ist, dass hier seit Jahren erfolgreich lateinamerikanisch-spanische
Beziehungen gepflegt werden und hochinteressante Themenabende und Ausstellungen veranstaltet werden.
Der Kybele-Brunnen als Treffpunkt der Real Madrid Fans Der Kybele-Brunnen, Fuente de la Cibeles, ist unter den Madrilenen nicht nur als Wahrzeichen der spanischen Hauptstadt bekannt.
Auch dient er als Treffpunkt der Real Madrid-Fangemeinde, die hier traditionell nach einem gewonnen Pokalspiel den Sieg ihrer
Fußballhelden feiert. Und erst vor wenigen Monaten hatte die gemeißelte Göttin ihre rechte Hand verloren, als ein spanischer Student offensichtlich nach einem originellen Souvenir gesucht hatte.
Die phyrgische Göttin Kybele lässt sich in ihrem Wagen von zwei männlichen Löwen ziehen. Allerdings ist bei dieser Darstellung dem
Architekten Ventura Rodríguez ein kleiner Fehler unterlaufen. Bezieht man sich auf die Legende, handelt es sich bei den beiden Löwen
nämlich um Atlanta und ihren Liebhaber Hipomenes. Das Orakel hatte Atlanta prophezeit, dass sie bei ihrer Heirat ihre Gestalt
verändern würde. Lange Zeit hatte sie Angst, sich zu verlieben, aber als irgendwann Hipomenes vor ihr stand, war es um sie
geschehen. Nach der Heirat kam jedoch die missgünstige Aphrodite auf sie zu und befahl dem Paar, den Tempel der Göttin Kybele zu
verunstalten. Die zauderte nicht und verwandelte das Liebespaar zur Strafe in zwei Löwen. Aus Mitleid spannte sie das Liebespaar
letztendlich vor ihren Wagen, damit sie bis in alle Ewigkeit zusammenbleiben konnten.
Von Madrid in den Himmel? Die Plaza de la Cibeles ist wahrscheinlich einer der magischsten Orte in Spaniens Hauptstadt, um dieses Lebensmotto bei
Sonnenuntergang nachempfinden zu können.
von Susanne Thiel (2003)
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